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Der Funke

 

Es war einmal ein prächtiges Lagerfeuer. Wild züngelnd loderte es empor, nahm der Dunkelheit das Bedrohliche und wärmte die Menschen, die sich um es geschart hatten. Seine knisternden funken stoben nach allen Seiten. Sie leuchteten gleich kleinen Geschwistern der Sterne am Himmelzeit. Nicht allen war eine weite Reise vergönnt. Manche verloren ihre goldgelbe Lebendigkeit bereits, als sie Mutter Glut gerade erst verlassen hatten. Nur die kräftigsten flogen bis zu den umstehenden Sträuchern, fielen auf herumliegende Stöcke und durften so noch etwas länger bestehen. Blitzi, einer von ihnen, sprang in hohem Bogen bis zu einem Gebüsch am Wegesrand und landete auf einem der tief hängenden, vertrockneten Äste. Hungrig kletterte er an ihm entlang. „Und, was wird gleich mit mir werden? Ist dann alles vorbei?“, fragte er sich erschrocken.
Ängstlich bemühte er sich, möglichst langsam zu wachsen, damit das Holz ihm noch lange Nahrung bieten sollte. Je mehr er davon verkohlte, umso heller leuchtete er. Auf einmal raschelte es laut auf dem Weg und vor dem Ast stand ein riesiger Hirsch. Auf dem Kopf trug er ein gewaltiges Geweih. Der Funke, der nun eine winzige Flamme war, blinkte ihn flehend an: „ Bitte, bitte, pass auf! Tritt mich nicht aus!“
„Wie kommst du denn darauf?? Würde ich nie machen. Du glaubst gar nicht, wie froh ich bin, dass du hier ein wenig leuchtest!! Ohne dich hätt` ich mich jetzt nämlich im Dunkeln verlaufen!“, entgegnete der Hirsch freundlich. „Wie kommst du eigentlich hier hin?“ „Mama Glut hat gemeint, ich sei kräftig genug, um ohne sie die Welt zu erkunden. - Es war toll, so frei durch die Luft zu fliegen!“, erzählte die winzige Flamme stolz. Doch dann blitzte sie plötzlich gar nicht mehr so fröhlich und schien dagegen etwas traurig zu sein. „Sicher muss ich bald verlöschen. Ach, wie gern würde ich noch was erleben …“„Hm, du kannst dich doch von Ast zu Ast und von Strauch zu Strauch fressen und wirst zu einem riesigen Feuer.“ „Aber ich will nicht, dass sich dann Menschen vor mir fürchten müssen! Mama hat sie stets gewärmt und es ihnen so gemütlich gemacht. Wenn ich doch auch etwas Gutes tun könnte ...“ Nachdenklich strich der Hirsch mit seinem Geweih durch das vertrocknete Laub auf dem Weg. Auf einmal zitterten seine Ohren ein wenig, denn er hatte eine Idee und war deshalb nun ziemlich aufgeregt. „Duhuuh, ich wüsste ja was ...“, hub er an. „Wirklich … ??“ Gespannt blinkte Blitzi ihn an und vergaß dabei fast, dass er soeben noch traurig gewesen war. „Nur ein paar Schritte weiter hier auf dem Weg hab ich ein Kind beobachtet, das die herumliegenden Blätter durchwühlte. Bestimmt hat es etwas verloren! - Du könntest doch ... Ich würd` dich auch hin tragen?!“ Dieser Vorschlag gefiel seinem kleinen Freund. Vorsichtig knipste der Hirsch den Ast ab, nutzte sein Geweih als Trage, stupste den glimmenden Holzscheit darauf und trabte schnell bis zu der Stelle, an der er das Kind getroffen hatte. Noch immer lief es dort hin und her und guckte sehr ratlos drein. „Hier find` ich es bestimmt nicht wieder. Ist ja viel zu dunkel. Mein armes Püppchen!“ Und es weinte jämmerlich. “Du: Nicht weinen! Wir wollen dir helfen!“, flüsterte der Hirsch.
Im ersten Moment erschrak das Kind, als es den Hirschen bemerkte und ihn sprechen hörte. Aber weil er überhaupt nicht böse drein schaute und zudem so lieb mit ihm geredet hatte, versiegten die Tränen rasch wieder. „A..Aber wie denn?“, wagte es zu fragen. „Warte nur ab!“, lächelte der Hirsch geheimnisvoll, lehnte den Stock hoch an einen etwas kräftigeren Ast und die kleine Flamme wuchs, wurde so groß wie eine kleine Laterne und machte den Weg gleich ein wenig heller. Froh lächelte das Kind und bereits munterer suchte es ein weiteres Mal nach der geliebten Puppe. Es hatte gerade den dritten Busch erreicht, als es sich strahlend zu dem Hirschen und der ständig kräftiger leuchtenden Flamme umschaute. „Hier liegt sie ja, hier, unter den Blättern!“ Rasch hob das Kind sie auf und drückte sie fest an sich. „Dankeschön! Ich freu mich ja so!“, rief es und hüpfte von dannen. “Hast du gemerkt, Blitzi? Du hast jemanden froh gemacht!“ „Das ist so schön, Hirsch! Ich möchte so gern noch viel mehr Freude schenken.“ Der Hirsch freute sich mit ihm und überlegte:
„Wir könnten uns gemeinsam auf die Suche nach einer Gelegenheit dafür machen ...“ „Oh ja, das machen wir, ja?“, bat die Flamme. „Nur musst du dann aufpassen, dass du nicht mein Geweih verletzt!“ „Ganz bestimmt nicht“, versprach Blitzi, der inzwischen wieder ein wenig größer geworden war und bremste die Glut so gut es ging, um dem Hirschen ja nicht wehzutun. Dieser trug den brennenden Stock auf seinem Geweih auf die nahe gelegene Lichtung. Weil dort keine Bäume und nur nur ein paar vereinzelte Büsche standen, die aber die zunehmende Kühle nicht abhalten konnten, war es dort schon sehr kalt. Vor sich vor einem dieser Büsche ganz in der Nähe entdeckten sie zwei junge Menschen. Sie schienen sich gut zu verstehen und waren ins Gespräch vertieft. „Hier ists soo schön! Wäre es doch nur ein wenig wärmer!“, seufzte die junge Frau, der Mann nickte dazu und sie schauten einander lange in die Augen. „Du, die mögen sich!“, flüsterte der Hirsch Blitzi zu. Und da wusste Blitzi auf einmal, was er machen würde. „Trage mich hin!“ Sein großer Freund folgte hastig und lehnte die brennende Stockspitze gegen einen der Äste, der schnell kräftig und kräftiger zu lodern begann. „Sieh doch mal - ein Feuer! Wo kommt das denn so plötzlich her?“ Forschend blickte das junge Paar umher, erspähte aber nur einen Hirschen, der regungslos etwas versteckt in der Nähe stand. Verwundert wandten sie sich wieder dem brennenden Busch zu. Ja, inzwischen brannte er lichterloh, denn Blitzi, der einstige Funke, war zur Flamme und nun zu einem prachtvollen Feuer geworden. Höher und höher züngelte es gen Himmel und verwandelte mit seinem goldenen Licht die Lichtung samt der Bäume und Büsche am Waldrand in eine Märchenkulisse. Schweigend stand das junge Paar dort, ließ sich von dem wunderschönen Anblick verzaubern und genoss die wärme des Feuers. Mittlerweile leuchtete Blitzi genauso gleißend hell wie einst Mama Glut und schickte wie sie damals knisternde Funken weit umher. Derweil geschah etwas Wunderbares: Die beiden jungen Menschen schauten sich glücklich an und fassten sich zärtlich an den Händen, so, als ob sie nie wieder voneinander lassen wollten. In ihren Augen tanzten Funken, so hell strahlend wie die schönsten Sterne über ihnen am Himmelszelt. „Blitzi, das hast du bewirkt! - Es sind Funken der Liebe. Sie ist das Schönste und Wichtigste, was es gibt auf dieser Welt!!“ „Mein sehnlicher Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Ich habe Menschen glücklich gemacht. So wie einst Mama Glut!! - Nun kann ich vergehen ...“ Vor Freude strahlte Blitzi ein letztes Mal auf, so gleißend hell wie die hellsten Sterne droben am Himmel. Danach verglomm das Feuer allmählich. Der Hirsch aber bewahrte die Erinnerung an Blitzi und ihr gemeinsames wunderbares Erlebnis für immer in seinem Herzen.