Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

Ohne Abschied

 

 

Ben und Anna kennen sich nun drei Jahre. Das Thema, demnächst zu heiraten, hat sich allerdings noch immer nicht gestellt. Vor einem Jahr haben sie die gemeinsame Wohnung bezogen, bisher hatte jedes an einem anderen Ende der großen Stadt gewohnt, in deren Mitte ihre Arbeitsstellen lagen. Wie ein altes Ehepaar leben wir, sagte Anna manchmal, und Ben mochte wohl ähnlich fühlen, denn von einer Hochzeit sprach er nicht, auch wenn sie manchmal vor den Auslagen der Schmuckgeschäfte stehen blieben und die Eheringe bestaunten. In letzter Zeit war allerdings das bisher so vertraute Verhältnis etwas abgeflacht. Manches war zur Routine geworden. Oder kam es nur Anna so vor? Sie war beruflich als Sozialarbeiterin oft im Außendienst, musste zu ihren Klienten in deren Wohnung fahren. Ben hingegen wurde als Therapeut nur in seiner Praxis aufgesucht, doch in letzter Zeit kam er abends immer später nach Hause. Dann war er müde, lustlos und verkroch sich hinter der Zeitung oder löste Sudokus, von denen er meinte, sie würden ihn ablenken und beruhigen. Von seinem Tag sprach er nicht mehr. Anna, die bereits früher nach Hause kam, hatte meist schon das Abendessen bereitet, das er schweigend in sich hinein schaufelte. Früher hatten sie sich dabei ihren Tagesablauf erzählt. Anna hätte dies gerne weiterhin so gehabt, oft hätte sie Fragen stellen wollen, die ein Psychiater besser beantworten könnte als ihre Kollegen und Kolleginnen. Ja, früher? Ist es wirklich schon so lange her? Kann man sich in drei Jahren so ändern? Und wer hatte sich vor allem verändert? Sie konnte nicht darüber sprechen, wollte ihn nicht belästigen, machte sich ihre eigenen Gedanken. Sie beobachtete Ben häufig von der Seite, versuchte in seinen Mienen zu lesen, wenn er entspannt, wie er meinte, vor dem Computer saß. Sie, der das Sitzen und Bildschirm-Starren von je her verhasst war, versuchte sich mit anderen Dingen die Abende zu vertreiben und begann zu lesen. Bücher über fremde Länder weckten ihre Reiselust, doch leider teilte Ben sie nicht. Er war der häusliche Typ, der die Freizeit am liebsten in seinen vier Wänden verbrachte. Er stellte ihr aber gerne sein Auto zur Verfügung, wenn sie in einer Stadt eine Ausstellung besuchen wollte oder irgendwo im Umland etwas Interessantes fand. Nun stand wieder einmal ein Urlaub an. Anna wollte diesmal ein paar Wochen per Interrail ein Land besuchen, jedes Jahr sollte es ein anderes sein. Im vergangenen Jahr hatte er sie durch Frankreich begleitet, da war er noch sehr verliebt, aber dass er vieles nur ihr zuliebe gemacht hat, ist ihr wohl erst später zum Bewusstsein gekommen. Heuer stand Polen auf ihrer Reiseliste. Gleich zu Jahresbeginn hatte sie begonnen, Informationen über das Land einzuholen, einzelne Ziele anzuvisieren, die man mit der Bahn erreichte. Erst dann konnte sie sich mit dem Suchen von Unterkünften befassen. Ben hielt sich mit Vorschlägen und Wünschen sehr zurück, ließ sie suchen und buchen. Dann kam er plötzlich mit der Nachricht, dass gerade zu der geplanten Zeit eine Fortbildungswoche angekündigt worden wäre, an der er unbedingt teilnehmen möchte. Wenn es ihr nichts ausmache, solle sie allein fahren, Polen interessiere ihn ohnehin nicht so besonders. Es war ein scharfer Stich in Annas Herz, sie hatte sich so auf den entspannten gemeinsamen Urlaub gefreut. Aber nun selber drauf verzichten? Nein, dann fahre ich eben allein, habe es auch früher schon so gemacht. Allein war sie durch England und Schweden getourt, auch in Polen würde sie  nicht zugrunde gehen. Sie ließ ihn an ihren Planungen teilhaben, doch sein Interesse war nicht groß. Und dann war es so weit. Der letzte gemeinsame Tag war angebrochen. Sie besorgten wie jeden Samstag den gemeinsamen Einkauf, sie hatte noch eine eigene kleine Liste, was sie für die Reise brauchte. Ihn fragte sie, was er an Vorräten für seine Zeit zu Hause möchte, und da war er erstaunlich wählerisch. Es gab einen ruhigen, wie sie aber fühlte, schweigsameren und etwas angespannten Abend. Am Sonntag, kurz nach Mittag, sie konnten also noch gemeinsam essen, fuhr ihr Zug. Der Rucksack stand längst fertig gepackt im Flur. Zum Abschied kochte sie sein Lieblingsgericht. Um neun Uhr verabschiedete er sich mit einem flüchtigen Kuss: Er habe noch einen kurzen, wichtigen Termin, bis dann! Doch der kurze Termin schien länger zu dauern, der Zeiger stand bereits auf Mittag. Er kam und kam nicht. Anrufen konnte sie ihn nicht, bei Terminen dürfe sie nie stören. Sie begann nervös zu werden, er kam einfach nicht! Der Tisch war gedeckt, sogar Blumen und Kerzen fehlten nicht. Die Zeit verrann, ihr Hunger wuchs in dem Maße, wie ihre Hoffnung schwand, dass sie nicht alleine zum Bahnhof würde gehen müssen. Nicht einmal ein Anruf, in dem er sich entschuldigen und ihr zum Abschied alles Gute wünschen würde. Das Warten fiel immer schwerer. Es nützte nichts, sie musste sich ihre Portion aufs Teller legen, allein die Kerze anzünden, allein essen. Freude kam dabei nicht auf, Nervosität hatte sie erfüllt, Sorge, dann Enttäuschung und Ärger. Und die Zeit drängte. Warum kommt er nicht, warum ruft er nicht an, dass es später würde, und um sich wenigstens am Telefon zu verabschieden, er weiß doch, dass sie fort muss. Endlich bläst sie die Kerzen aus, stellt ihren Teller in den Geschirrspüler, schaltet die Herdplatte aus, schultert den Rucksack und verlässt die Wohnung. Doch noch den ganzen Tag über schaut sie immer wieder vergebens, ob sie seinen Anruf überhört hätte. Er hat sich nicht verabschiedet.